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Figurentheater und Puppenspiel
erfreuen sich, soweit ich das als Kulturhistoriker zu beurteilen vermag,
ungebrochener Beliebtheit, auch wenn die Architektur des Theaters oftmals von
elektronisch digitalen Medien gekapert wird. Aber Bühne bleibt Bühne, auch
dann, wenn sie hinter die Scheiben von Fernsehgeräten oder Computerbildschirmen
verlegt wird. Ich will auf den folgenden Seiten auf essayistische Weise
versuchen, Aspekte des Figurenspiels und seines kindlichen Publikums aus
diversen Positionen zu beleuchten und in einen kulturellen Kontext zu stellen.
Zahlreiche Anknüpfungspunkte bieten sich an, um die Frage nach dem was in der
Vorstellungswelt des Kindes vorgeht, welche Wirkung erwartet werden kann, wenn
die Theaterdämmerung hereinbricht und der Vorhang sich öffnet, zu beantworten.
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Aus
der gängigen Praxis der alltäglichen Figurentheater ist zuweilen eine gewisse
Brachialität der Handlung, die ihre Wurzeln in den Volksstücken der Commedia dell'arte
zu haben scheint, nicht wegzudenken. Sie war das szenische wie dramaturgische
Vorbild, das beginnend im 16. Jahrhundert Schritt für Schritt Europa eroberte.
Mit der Anpassung und Trivialisierung der Libretti und Motive kam es im 18. Und
19. Jahrhundert zu einer Verjüngung des Publikums. Stehende Figuren wie Wurstl
oder Kasperl messen sich nun mit Räubern, Hexen, Krokodilen, ohne jedoch auf
positive Adjutanten und Buffos verzichten zu müssen. Mit dieser Tendenz kommt
unausweichlich der Gedanke nach den kindlichen Bedürfnissen und deren
Verarbeitung auf. Die kreative und therapeutische Qualität, die in Figuren und
Inszenierungen liegt, wird erkannt. Mehr noch beginnen Eltern im „analogen“
Theater, ähnlich wie es bei den Kinderbüchern der Fall war und ist, eine
Antwort auf die als schädlich empfundenen Neuen Medien zu erkennen, quasi eine
Hoffnung, die kindliche Abkapselung vor den Bildschirmen aufzubrechen. Das
führt uns zum gehaltvollen Figurentheater, das seine Wirkung kennt und doch
hinterfragt, um sich den Bedürfnissen seiner Zuseher zu fügen und sie zu
fördern.
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Wie
stellt sich nun dieses Szenario aus nützlichen und schädlichen Inhalten und
Gestaltungen für Kinder dar? Welche Aspekte aus Psychologie, Soziologie und
Kulturwissenschaft könne Eltern eine Anleitung geben, was für ihre Kinder „gut
und sinnvoll“ ist? Die Diskrepanz zwischen dem, was niveauvolles Figurentheater
Kindern bieten kann und dem was das Gros der Massenmedien in dieser Hinsicht
anzubieten hat ist enorm. Wir leben im Zeitalter einer meist nur „virtuell“
empfundenen Informationsflut. Ironisch genug, dass wir da den Verlust von
Orientierung beklagen, denn das legt den Schluss nahe, dass wir zwar mehr
wissen als alle Generationen vor uns, aber vielleicht auch weniger verstehen
denn je. Worin gründet unser Verstehen? – wohl in sozialen Konventionen und
Interpretationen der Welt und in der Orientierung nach Werten und Zielen der
Gesellschaft. Vielen allerdings scheint diese Orientierung verloren und
Schuldige sind schnell gefunden: Ganz vorne in der Reihe der „üblichen
Verdächtigen“ stehen Multikulturalität und Entfremdung, Postdemokratie und eine
hypertrophe, globalisierte Mediengesellschaft mit dem Orkus allen Bösen, dem
Internet.
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Auch
wenn man diese etablierten Gemeinplätze leicht entlarvt, bleibt eine
Unsicherheit, die sich in der Individualisierung, als Alternative zur
gesellschaftlichen Orientierung, interpretieren lässt. Was uns zu fehlen
scheint, sind die großen Erzählungen, referentielles, episches Material und
verbindliche und verbindende Narrationen wie Mythen, Sagen oder Märchen es
vielleicht einst einmal gewesen sind. Doch auch diese Diagnose scheint banal,
da die Contentindustrie sich doch aller erdenklichen Stoffe der Vergangenheit
bedient und sie in immer neuen, trivialen Formaten vermarktet. Die Skepsis, ob
Massenmedien episches Material überhaupt zu transportieren in der Lage sind
aber bleibt.
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Was
womöglich zu verschwinden droht, ist eine Vermittlung jenseits der
Medialisierung. Interaktion zwischen Wissen und Fragen, zwischen Alt und Jung
kann oft von den Erwachsenen nicht mehr ausreichend geleistet werden, der
natürliche interpersonelle Prozess des Vermittelns gerät ins Stocken.
Vermittlung bedarf letztendlich eines Bildes als Ziel, das es weiter zu reichen
gilt. Und eben diese Weltbilder, und nicht die billigen Klischees der
Wertewandeldiskussion, sind rar geworden. Hierin kann die erste wichtige
Leistung des Figurentheaters für die kindliche Entwicklung gesehen werden:
Theater ist ein ideales Mittel die Distanz zwischen Erwachsenen(-welt) und
Kinder(-welt) zu verringern. Es gibt eine gemeinsame Vorlage, auch einen Text,
der gemeinsam betrachtet werden kann. Mimetisch entsteht für das Kind eine
eigene Welt, indem es sich in Beziehung zur gelernten und erfahrbaren Welten
begibt. Das ist umso wichtiger, als die Welt des Vorschulkindes aus
Erwachsenensicht geprägt ist von logischen Ungereimtheiten, Irrtümern und
Fehlinterpretationen.[1]
Andererseits sind Kinder zunehmend in der Lage, sich Handlungen des realen
Lebens zu vergegenwärtigen. Das Figurenspiel liefert hier nun eine verdichtete,
abstrahierte Form dieser Handlungen, einen Kompromiss, der für beide,
Erwachsene und Kinder, taugt. Das entstehende begriffliche Denken und die
Identifikation von Objekten lassen sich an einem gemeinsamen Erlebnis
festmachen, das in der frühen Vergesellschaftung eine wichtige Rolle spielt.[2]
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<hr align="left" size="1" width="33%">
<span style="mso-special-character:
footnote">[1] Vergleiche
mit Piagets Begriff präoperationalen
Phase.
<span style="mso-special-character:
footnote">[2] Siehe:
Gebauer und Wulf, 1998.
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